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Warum Print niemals sterben wird

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Processed with VSCOcam with hb2 presetSeit ich mir zu meinen letzten Neujahrsvorsätzen geschworen habe, mehr Zeitung zu lesen, sitze ich jeden Morgen am Potsdamer Platz und genieße täglich eine ganze Stunde lang die Freuden verschiedener Tageszeitungen und Magazine. Ob Süddeutsche oder Handelsblatt, ob Capital oder Stern – ich zelebriere die tägliche Stunde vor der Arbeit bei einem Cappuccino und habe wieder angefangen, Zeitungen wertzuschätzen.

Vor einigen Tagen saß ich wieder im Café: Mein halb voller Cappuccino wartete auf dem Tisch darauf, von mir ausgetrunken zu werden und ich war völlig in ein Interview des Handelsblatts mit EZB-Präsident Mario Draghi vertieft. Als ich gerade nach meinem Cappuccino griff, bemerkte ich neben mir einen Mann (der mein Vater hätte sein können), wie er mit gekrümmten Rücken Nachrichten checkte – auf seinem iPad. Ich begriff die Ironie dieser Situation: Auf der einen Seite saß dieser Mann, etwa Mitte fünfzig, der Prototyp des „Ich habe zwar einen Facebook-Account, aber irgendwie ist mir das alles zu kompliziert“ – auf der anderen Seite ich, der klassische Digital Native. Verdammt, mein Job hat sogar das Wort „Digital“ im Titel. Er mit einem Tablet, ich mit einer riesigen Tageszeitung aus Papier. Ein Bild für die Götter.

Irgendwie ließ mich diese Situation die letzten Tage nicht los. Gefühlte 100 Stunden die Woche starre ich auf helle, kalte Bildschirme, die zwar die Informationen geben, die ich möchte, mich aber nie ganz so berühren, wie ich es gerne hätte. Gedanklich als auch wortwörtlich fehlt mir der Berührungspunkt.

Ich vermisse die Zeiten, in denen man mit der U-Bahn durch die Stadt fuhr und all die Lektüre der Fahrgäste vor der Nase hatte: Man versuchte, die Menschen anhand ihrer Bücher und Zeitschriften zu analysieren und sich Gedanken darüber zu machen, was für Menschen sich hinter der Lektüre wohl verbergen mögen. Welche Tageszeitung, welches Buch, welches Magazin – all das bot genügend Fläche zum Rätseln und Fantasieren. Eines dieser Dinge, das man erst vermisst, wenn es lange verschwunden ist, denn: Heute gibt allenfalls ein voyeuristischer Blick auf das Smartphone-Display Einblicke – meist Einblicke, die einem lieber verwehrt bleiben sollten. Überall Bildschirme. Kalte Bildschirme.

Ich bin es satt, nur auf Bildschirme zu starren. Ich bin es satt, all die Dinge am Bildschirm zu erledigen, die ich anderweitig erledigen könnte: Jemandem auf Whatsapp zu texten, anstattdie Person anzurufen. Eine Einkaufsliste mit digitalen Häkchen wegzuklicken, statt sie aufzuschreiben und durchzustreichen. Facebook checken, um die letzte, beste und aktuellste Info zu erhaschen, statt die Nachrichten bei einem Cappuccino breit ausgeklappt auf dünnem, recyceltem Papier zu lesen.

Versteht mich nicht falsch.
Digital bedeutet Zukunft. Digital bedeutet Bereicherung und Erleichterung. Digital lässt uns alle ein klein wenig näher rücken. Das ist auch gut so. Doch genau so wie es traurig wäre, Brötchen beim Bäcker um die Ecke mit dem Auto zu holen – noch trauriger wäre es, sich die kleinen Freuden des Lebens hinter einen Bildschirm zu sperren. Dazu gehört auch das Lesen.

Vielleicht ist es mein Job, der mich zum Nachdenken anregt. Vielleicht ist es die Tatsache, dass ich jeden Tag das Büro mit großartigen Journalisten teile – mit Zeitgeistern, deren Texte mich Monat für Monat aufs Neue bewegen. Nahezu kein Online-Magazin dieser Welt kommt an die Qualität, die Hingabe und Liebe heran, die Printmedien Tag für Tag liefern. Und zu oft bleiben solche Werke im Kiosk und Bahnhofshandel liegen.

Gute Texte brauchen Dinge, die das Internet nun mal nicht kennt: Geduld. Hingabe. Präzision. Doch die besten, die sorgfältigsten  und wertvollsten Werke sind jene, die im Internet den wenigsten Erfolg bringen. Zu sehr sind wir konditioniert auf Buzzfeed, Faktastisch und wie sie alle heißen. Hauptsache schnell. Hauptsache stumpf. Wir können nur noch mit kontroversen Titeln auf Artikel gelockt werden – genau so, wie ihr durch meine Headline auf diese Seite gelockt wurdet. Oder würdet ihr jetzt auf meiner Seite verweilen?

Wir alle sind Geiseln des Systems.
Online-Medien benötigen Klicks so sehr wie Heftverkäufe im Print. Gewaltiger Nachteil: Hat man ein Heft oder eine Zeitung zur Hand, ist man wesentlich gewillter auch die Dinge zu lesen, die einem nicht sofort ins Auge springen. Im Netz kämpft man nahezu pausenlos um eure Aufmerksamkeit und versucht, mit seltsamen Tricks diese auf sich zu lenken. Was am Ende kaum noch eine Rolle spielt: der Inhalt. Daran sind wir alle Schuld – sowohl Leser als auch Autoren.

Auch wenn ich alleine bin mit meiner Meinung: Ein gutes Magazin, eine gute Zeitung in der Hand zu halten, wird nie, niemals durch ein digitales Pendant ersetzt werden – nicht für mich. Ich werde hoffentlich auch in zwanzig Jahren Zeitungen auseinander friemeln, wenn sie ungünstig zerknickt sind. Magazine unter meinem Sakko verstecken, wenn ich in die Mittagspause gehe und es draußen regnet. Mich darauf freuen, Bücher einfach mal in Ruhe zu lesen und dabei nicht von irgendwelchen Benachrichtigungen gestört zu werden.

Ich bitte euch: Wenn ihr das nächste Mal die U-Bahn zur Arbeit nehmt oder Kaugummis im Kiosk holt, nehmt eine Zeitung mit. Oder ein Magazin. Meinetwegen sogar den Playboy. Oder die Bild. Nein, vergesst den letzten Satz.

Print wird niemals sterben. Nicht für mich.