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LÜGEN UND FREMDE BETTEN: DAS GROSSE PROBLEM VON AIRBNB

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// UPDATE: Mittlerweile habe ich mich mit einer Mitarbeiterin von Airbnb unterhalten und sie versicherte mir, dass es seit einigen Monaten ein neues Bewertungssystem gebe – mittlerweile würden Bewertungen zeitgleich veröffentlicht und somit wäre keine Partei mehr benachteiligt. Ende gut, alles gut. //

Ich liebe Airbnb. Seit ich das erste Mal über die Plattform eine Unterkunft gebucht habe, bin ich eingeschworener Fan: Ob London, Amsterdam, Lissabon oder sonst wo – immer seltener sehe ich ein Hotel von innen und ziehe es stattdessen vor, in den Ferienwohnungen und Gästezimmern von „Privatpersonen“ zu übernachten. Mehr als ein gutes Bett, ein sauberes Badezimmer und zentrale Lage brauche ich nicht, um einen kurzen Städteurlaub mit gutem Gewissen zu genießen. Es ist persönlicher, gemütlicher und vor allem: günstiger.

Jetzt gerade sitze ich im ICE 276 von Mannheim nach Berlin: Mein treuer Hawaii-Kumpane Melik hat vergangenen Freitag seiner Angebeteten das Ja-Wort gegeben und ist nun offiziell unter der Haube. Hochzeit in Heidelberg?

„Perfekt, da gibt’s doch bestimmt was bei Airbnb.“

Natürlich lagen von den unzähligen Angeboten der Plattform auch einige Unterkünfte im verträumten HD. Bude gesucht, mehrere gefunden, Bewertungen gecheckt – sah alles ganz dufte aus. Dachgeschosswohnung im Stadtzentrum für drei Nächte à drei Personen. Buzzwords wie „tolle Wohnung“, „gemütlich eingerichtet“ oder „gerne wieder“ fielen in der Bewertungssektion des Gastgebers. Dieser musste am Tag unserer Ankunft etwas früher los, also konnten wir den Schlüssel woanders abholen. Klingt alles fein, nehmen wir.

Ankunft in der Wohnung. Handtücher zum Duschen fehlen. Seife im Bad? Fehlanzeige. Klopapier? Drei Blatt übrig. Müll hing noch unter der Spüle. Dusche war nicht sauber. Bettwäsche nicht frisch bezogen. Drei Müllsäcke mit Pfandflaschen am Eingang. Albtraum.

Wie konnte das sein? Die Bewertungen sind doch allesamt gut gewesen – Urteile über den Aufenthalt können nur Gäste schreiben, die in der Location übernachtet und sich folglich vorher ausgewiesen haben. Airbnb kontrolliert die Gäste genau so wie die Vermieter selbst. Der Verdacht von Fakes? Nicht unmöglich, aber aufwändig. Hatte ich einfach nur einen anderen Standard im Kopf? War ich das Problem?

Plötzlich bemerkte ich, dass die Vorteile der kontrollierten Bewertungen auch gleichzeitig die Schwachstelle des Systems ausmachen: So können nicht nur Gäste die Gastgeber bewerten, sondern Gastgeber auch die Gäste. Klassisches Gefangenendilemma.

Wenn ich also als Gast nicht mehr unabhängig bewerten kann und vom Goodwill des Gastgebers abhängig bin (schlechte Bewertungen können dazu führen, dass potenzielle Gastgeber euch keine Wohnungen anbieten), dann bleibt mir nur eines: Gute Miene zum bösen Spiel und schön den selben in Zuckerwatte eingetauchten Bullshit runterschreiben wie meine Vorgänger auch.

Ich fing an, wahllos Unterkünfte und Bewertungen zu checken: Überall mindestens vier von fünf Sternen, egal welche Bewertung ich mir angesehen habe. Selbst Gästezimmer, die man eher als Abstellkammer für Spartaner buchen würde, bekommen Lob in höchsten Tönen. Das stinkt doch gewaltig.

Fazit: Airbnb fährt mit seinem Bewertungssystem nach dem Prinzip: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Ironischerweise ist dieses durchaus transparente System genau der Ursprung für intransparente Bewertungsmethoden – „Gibst du mir eine gute Bewertung, gebe ich dir eine gute – gibst du mir eine schlechte, gebe ich dir eine schlechte“.

Und nun? Die Wohnung in Heidelberg habe nicht ich gemietet – eine Freundin aus unserer Reisegruppe hat das diesmal übernommen. Doch wie hätte ich jetzt reagiert? Ehrlich gewesen und dafür selbst eine schlechte Bewertung eingesteckt? Eigentlich wird es Zeit, aus dem Lebkuchenland auszusteigen und ehrlich zu sein. Doch dafür Märtyrertod? Keine Lust.

Na wenigstens war die Bude zentral.