Personal

ALTE LIEBE – WIE ICH ZURÜCK GEHEN MUSSTE, UM EINEN SCHRITT VORWÄRTS ZU MACHEN

Photo 13-12-13 20 05 09

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Ich stehe in Nidals Zimmer und blicke auf den Schreibtisch. Mehr als fünf Jahre sind vergangen, seit ich das letzte Mal in diesem Raum stand: Ich erinnere mich an das Keyboard, an die zwei Bildschirme, an die riesige Soundanlage und die Aufnahmekabine, in der wir (mal mehr, mal weniger erfolgreich) ins Mikro spuckten und darauf hofften, dass etwas anständiges dabei rauskam. In diesem Raum liegen viele Erinnerungen an meine späte Jugend – Erinnerungen an kreative Ausbrüche und verzweifelte Stunden ohne eine einzige Idee.

Es dauert keine zwanzig Minuten, bis wir im Element sind. Wir gehen über alte Aufnahmen und hören uns Projekte an, die jahrelang in Vergessenheit lagen. Ich höre meine Stimme auf Songs, die ich schon längst nicht mehr auf dem Schirm hatte – Gänsehaut. Wie konnte es damals dazu kommen, dass ich diese Leidenschaft, diese Konstante in meinem jungen Leben so vernachlässigt habe? Es war seltsam. Als meine eigene, jüngere Stimme durch Nidals Boxen prescht, kommt es mir vor, als würde im am Telefon mit meinem jüngeren Ich sprechen – als würde er mir erzählen, wie das Leben damals war und wie ich Dinge schleifen ließ, die mir zu einem früheren Zeitpunkt die Welt bedeuteten. Ich fühle mich erfüllt und gleichzeitig leer. Froh über den Moment und gleichzeitig traurig über Jahre ohne diesen bedeutenden Aspekt in meinem Leben.

Nidal wartet nur auf den passenden Moment – er lässt den einen Song laufen, der uns drei damals für immer zusammenschweißen sollte – ohne ihn jemals zu veröffentlichen. Obwohl ich ewig nicht mehr an diesen Song gedacht habe, kann ich noch fast jede Stelle auswendig – in Gedanken zumindest. „Jeder Tag ist ein Geschenk, denn jeder Tag macht dich zu dem wer du bist.“ – so lautet der Refrain des Songs und dieser Satz ist auch in jenem Moment so zeitlos, wie er es damals schon war. Ich habe mich verändert. Wir alle haben uns verändert. Wir sind gewachsen – in unterschiedliche Richtungen. Und doch sind wir irgendwie gleich geblieben. Doch wer bin ich jetzt?

Ich weiß nicht. Vielleicht übertreibe ich mit meinen Gedanken. Vielleicht habe ich mich auch nur zu sehr über die alten Zeiten gefreut und sie ein wenig glorifiziert – doch dieser Ausflug in die Vergangenheit hat mir gut getan. Inmitten einer hektischen Welt ohne Ruhe habe ich das erste Mal seit Monaten das Gefühl, meinen Ruhepol wieder gefunden zu haben. Diesen Schritt zurück in meine Vergangenheit habe ich gebraucht – ich habe ihn gebraucht, um mein Bild für die Zukunft (zumindest vorübergehend) wieder ein klein wenig zu schärfen. Um wieder zu realisieren, worauf es im Leben ankommt. In meinem Leben. Um wieder einmal zu verstehen, dass die kühnsten und tollsten Vorhaben, die man sich in seinen Gedanken konstruiert, nichts ohne das sind, was wir allzu oft vernachlässigen: unsere Leidenschaft.