Personal

ANQUATSCHEN? LOCKER.

Bildschirmfoto 2013-11-05 um 21.07.16

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Morgens, halb zehn in Deutschland. Der mittelmäßige Kaffee im Pappbecher brüht vor sich hin, das Baguette vom Bäcker hat auch schon frischere Stunden gesehen. Es sind diese kurzen Momente, die einem den inneren Frieden ein kleines Stückchen näher bringen – inmitten von Terminen und Aufgaben, die wir schon seit Tagen aufschieben, weil die Zeit nun mal doch gegen uns spielt.

Stöpsel ins Ohr, Freundeskreis auf dem iPhone abspielen, los geht’s – die U-Bahntreppen runter und gerade noch die Bahn gekriegt, wie immer viel zu voll. Plötzlich steht sie da.

Keine 1,70 Meter groß, braune, volle Haare, haselnussbraune Augen und eine Anmut… Was für eine Anmut. Ihre roten Dre-Kopfhörer, die bei den meisten anderen Trägern als Blickfang dienen würden, gehen ganz in diesem Bild unter. Ihr kesser Stil, eine Mischung aus Tussi und Urban, macht sie noch interessanter, doch das hat sie eigentlich kaum nötig. Ich muss mich fangen, um sie nicht die ganze Zeit anzustarren – kommt vielleicht nicht allzu cool. Also kurz noch mal aufs Handy geguckt, Song gewechselt, abgelenkt. 

Doch nach vier Stationen steht sie immer noch da, jetzt hat sie mich ebenfalls bemerkt. Ich fühle mich ein wenig verunsichert, doch versuche es nicht nach außen hin zu zeigen, sondern blicke sie mit aufgesetztem Selbstbewusstsein an – da geht doch was. 

Sie lächelt zurück. Oh mein Gott, sie lächelt zurück. All meine Erfahrung mit Frauen hat sich gerade in Luft aufgelöst, ich stehe da wie ein Küken, was darauf wartet, aufgefressen zu werden. Ich ziehe meine Konzentration aus allen verfügbaren Körperteilen und gebe meinen Lippen nur einen Befehl: „LÄCHELNLÄCHELN MAN!“ Ich lächle ein wenig.

Okay, es ist soweit. Die stark untersetzte Oma mit Bobfrisur und ihr Einkaufswagen aus der Vorkriegszeit zwischen uns verlassen den Waggon – ich stehe genau vor ihr. Okay Junge, du hast einen Schuss. Gerade setze ich an, innerhalb eines Bruchteils einer Sekunde hundert verschiedene Szenarien, wie ich sie am besten ansprechen könnte. Genau in dem Moment macht ein Kerl das Waggonfenster auf, ein Windzug zieht durch ihre perfekten Haare – Kopfkino. Ich bin noch einmal kurz von ihrer Schönheit paralysiert und brauche noch eine Station. 

Dann ist es soweit. Sie lächelt mich noch einmal an. Da ist deine Chance. Die U-Bahn hält gleich, vielleicht könnte sie aussteigen, also jetzt oder nie. Jetzt oder nie. Jetzt oder nie. Ich öffne gerade meinen Mund, meine Stimmbänder sind bereit die Situation zu reissen, als an mir ein Schrank, wirklich ein Schrank von Kerl vorbeizieht, schnurstracks auf sie zuläuft und sie zur Begrüßung erstmal köstlich abschlabbert.

 

Ach, sie war eh nicht so mein Typ.